Kurzer Bericht vom Berlinaufenthalt , Sommer 07 (bis ende Sept.)



„Etwa 60 Kilometer Durchmesser hat die Stadt, da kann man sich nicht überall auskennen“ sagt der Berliner Taxifahrer, der mich zum Flughafen bringt. Das ist tröstlich, denke ich. Berlin bleibt ein Faszinosum, wie lange man sich auch immer darin aufhält. Im Vergleich zu meinem letzten Aufenthalt im Jahr 1998/99
hat sich die Stadt zu einer pulsierenden Metropole entwickelt. Sie ist näher zusammengewachsen und die historisch unmittelbare Vergangenheit wird thematisiert. In Filmen und Lesungen erfahre ich mehr über die Befindlichkeit ehemaliger DDR Bürger, über die Stellung der Wehrmacht während der Nazizeit... Spannend.
Berlin lüftet mir den Kopf gut durch und bringt viel Anregung fürs Schreiben und fürs Theater. In Schichten nähere ich mich und versuche mich möglichst offen dem sanften Koloss mit seinen vielen wohnlichen Quartieren anzunähern: Fassaden, Plätze, Chaussen, Museen, Verpflegungsmöglichkeiten.
Auf dem Velo oder in der S - Bahn staune ich nicht schlecht, über die vielen Stile der Fassaden, über die Gelassenheit der Berlinerinnen und Berliner. Es geht halt alles seinen Gang, lehrt die Stadt. Und die blonde Frau, die die Passanten beschimpft: „Ihr seid garnix! Ihr mit eurem blödsinnigen, saudummen Hallo!“ wird mir in guter Erinnerung bleiben wie auch der Trainer auf dem Boltzplatz (Fussballplatz) der dauernd an seiner Mannschaft herummäkelt, zu Recht übrigens.
Die Stadt hat einen Sog, der mich auf die Strasse zieht, ich schlendere herum und entdecke Hinterhöfe, Galerien und auch einen Hotspot (Strandbad Mitte), wo ich mit meinem Laptop Verbindung aufnehmen kann. Dies wird eine Zeitlang mein Ritual, meinAufenthalt und bei Latte macchiato bleibe ich in Kontakt mit der CH.
Nicht weit von der Wohnung liegen die Theater und viele Quartiere sind gut erreichbar mit dem Fahrrad. Prenzlauerberg und Kreuzberg, Friedrichshain. Das Gorki Theater, die Volksbühne, das Brecht Ensemble, das deutsche Theater, die Schaubühne bieten zum Teil hervorragende Inszenierungen. Neben eher trashigen, die Stücke verkürzenden Bühnenschlachten und Schneegestöbern. Grossartig war unter andern die erste Voraufführung von Robert Wilsons Dreigroschenoper: Licht-, Figuren- und Bilderzauber in einer klaren dramaturgischen Konzeption. Die Verspätung des Aufführungsbeginns entschuldigt Wilson persönlich: Fasten your seat belts, es wird eine riskante Sache. Tatsächlich gibt es einige Holperer, der Bettlerkönig unterbricht die Musik und beginnt seinen Song nochmals von vorn oder der Vorhang geht einmal nicht hoch, doch die Vorstellung gelingt. Die Pointe des Schlusses verrate ich nicht.
Zurück in der Klause in den Hackeschen Höfen fühle ich mich gut aufgehoben. Eine Oase, sagt jemand. Abgesehen von etwas Baulärm sehr ruhig. Ich kann mich in meine Texte vertiefen und neue entwickeln. Während ich auf die Tasten klopfte, krächzt oft ein Elsternpaar, das sich auf der Kastanie im Hof ein Nest gebaut hat, als ob sie mich unterstützen wollten. Die Suche nach einem Verlag packe ich auch gleich an, noch ohne Zusage.
Viel sehen, viel entdecken, die Devise hat sich erfüllt und einmal relativ unbeschwert einen andern Rhythmus leben ist ein grosses Geschenk. Nicht zu vergessen: die Wege der Spree entlang, die Berliner Luft, die Pärke, Gregor Gysi im Gespräch mit Schauspielern und zuletzt der Besuch des alten Funkturms das schafft dem Hirn schon etwas Berliner Luft.